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30.09.2025

Profimusiker und Nachwuchstalente spielen Seite an Seite (GAZ 28.09.2025)

Moritz Laurer (l.) und Andreas Schüller (r.) nehmen mit den Musikern des Philharmonischen Orchesters und der Musikschule den wohlverdienten Applaus entgegen. © Barbara Czernek

´Von: Karola Schepp

Gießen (gl). Wer einmal in einem Orchester gespielt hat, weiß, wie wunderbar dieses Gefühl ist, Teil eines Klangkörpers zu sein, gemeinsam etwas zu erschaffen. Umso erhebender ist es, wenn man als Nachwuchsinstrumentalist an der Seite von echten Profis musizieren kann. Das erfuhren nun Schülerinnen und Schülern der kommunalen Musikschule, als sie gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester auf der großen Bühne des Stadttheaters ein Konzert gaben.

Und was für eins! Das Programm von »Pult an Pult« hätte glatt einem der üblichen Sinfoniekonzerte gut zu Gesicht gestanden.

Die Planungen begannen bereits im September 2024, die Proben dann im Mai 2025. Und das Ergebnis war beeindruckend, das Publikum im Saal restlos begeistert. Die Musikschule hatte in der Vergangenheit immer mal wieder in Kooperation mit dem Stadttheater Kinderopern im Kleinen Haus aufgeführt. Auch bei einem Tag der offenen Tür musizierten schon einmal junge Instrumentalisten gemeinsam mit den Profis. Doch noch nie gab es eine Kooperation mit einem ausführlichen Konzertprogramm, wie Musikschulleiterin Katja Marauhn betonte. Und Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher unterstrich in seiner Ansprache, wie prägend für das Kulturleben der Stadt Musikschule und Theater gleichermaßen und entsprechend wichtig auch der politische Wille und die gesellschaftliche Anerkennung zum Erhalt beider Institutionen seien.

Nachdem die Bühnentechniker am frühen Morgen unzählige Pulte aufgestellt hatten, eine Generalprobe kurzfristig stattgefunden hatte, konnten die von den Lehrkräften der Musikschule und vor allem Martin Gärtner als Leiter des Musikschul-Kammerorchesters bestens vorbereitet, aufspielen. Unter dem Dirigat von Generalmusikdirektor Andreas Schüller, der auch kurze Erläuterungen zu den einzelnen Stücken gab, ging es auch gleich in die Vollen. Zwei slawische Tänze von Antonín Dvorák erklangen zum Auftakt: präzise gespielt, voller Schwung und mit großer Geste. Die eigentlich zwei Orchester fügten sich auf der Bühne zu einem großen Wohlklang zusammen. Junge Laien und altgediente Profis waren bestens
Mit einem Ausschnitt aus Franz Schuberts Musik zum Schauspiel »Rosamunde«, in dem die tiefen Streicher anfangs den Ton setzten, ging es weiter. Kleine Soli von Maria-Helén Gärtner (Oboe) und Nakita Kovalchuk (Klarinette) blitzten auf.

Auch wenn der Abend in erster Linie im Zeichen einer Ensembleleistung stand, setzten Tenor Oliver Gaßmann und Sopranistin Diana Iancu mit drei Gesangseinlagen solistische Akzente. Einstudiert von Gabriela Tasnadi sangen sie zunächst im Duett die Serenata »Mira la bianca luna« aus Rossinis »Les soirèes musicales« und dann solo Leonard Bernsteins »Lonely town« aus dem Musical »On the town« sowie Etta James’ jazzig-wuchtigen Song »Tough lover«. Begeisterter Beifall folgte. Chordirektor Moritz Laurer begleitete am Klavier.

Monatelange Vorbereitung

Nach einer kurzen Pause betraten dann die Streicher wieder die Bühne und spielten unter dem Dirigat Laurers die »Simple Symphony« von Benjamin Britten. In Laurers Kurzinterview mit Martin Gärtner wurde deutlich, dass die jungen Musiker dieses Stück bereits einmal auf dem Schiffenberg aufgeführt hatten und nun nach langer, intensiver Probenarbeit bestens auf ihren Auftritt mit den Profimusikern des Stadttheaters vorbereitet waren. Und dabei kam es, wie Kammerkonzertmeisterin Paula Brand zuvor gesagt hatte, nicht nur darauf an die Noten gut zu kennen. Bei einer ausgelassenen Bourée, einem verspielten Pizzicato, der sentimentalen Sarabande und dem »Folicsome Finale« war nicht nur Fingerfertigkeit gefordert, sondern auch eine punktgenau modellierte Interpretation der Musik. Und die gelang vortrefflich. Es war eine Freude, den Musikern zuzuhören, von denen einige der jüngeren Instrumentalisten hinter den großen Notenpulten kaum zu erkennen waren. Hier war gefragt, was im Einzelunterricht selten eine Rolle spielt: gute Zusammenarbeit, genaues Aufeinanderhören und auch die gezupften Pizzicati dürften für den ein oder anderen Nachwuchsmusiker Neuland gewesen sein.

Dass am Ende des Konzerts »Finlandia« von Jean Sibelius erklang, hatte durchaus doppelten Symbolcharakter. Zum einen ist die Komposition 1900 im damals von den Russen besetzten und heute wieder von ihnen bedrohten Finnland entstanden und gilt als die heimliche, stolze Nationalhymne des Landes. Stolz war auch bei ihrer Aufführung spürbar: Die jungen Musiker auf der Bühne durften stolz sein auf das, was sie an diesem Abend und in den langen Probenwochen zuvor geleistet hatten. Die im Saal sitzenden Zuhörer waren gerührt von der beachtlichen Leistung ihrer Kinder, Enkel und Geschwister. Und die Musiker des Philharmonischen Orchesters konnten stolz darauf sein, den Musikern der nächsten Generation so ein besonderes Podium geboten zu haben.

Und auch wenn nicht jeder der jungen Instrumentalisten künftig die Musik zum Beruf machen wird, so wird doch sicher der ein oder andere künftig die Profis, mit denen er an diesem Abend »Pult an Pult« agiert hatte, bei deren eigentlicher Arbeit künftig gerne als Zuhörer begleiten.