GIESSEN (sue). Dass man mit einem Saxophonquartett neben bekannten Jazzstücken von Thelonious Monk und Dizzy Gillespie auch Werke der Pop-Geschichte und sogar Bach, Debussy, Händel und Marcello überzeugend darbieten kann, bewies nun ein Lehrerensemble der Musikschule Gießen im Konzertsaal des Rathauses. Das bunte Programm unter dem Titel „Crossover - Ein Abend zwischen Jazz und Klassik“, das anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Musikschule zusammengestellt wurde, zeigte gekonnt die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten der Holzblasinstrumente. Dabei blieb jedoch die lockere Atmosphäre eines Jazzkonzertes erhalten, bei dem man auf ein gedrucktes Programm verzichtete und das neben viel Schwung auch viel gute Laune und eine Prise musikalischen Übermut mitbrachte. Natürlich macht eine Besetzung mit zwei Saxophonen auch aus einer Invention von Bach oder einer Telemann-Ouvertüre für Saxophonquartett noch lange kein neues Werk, doch die musikalische Modifizierung, die dabei stattfindet, stellte sich als überaus spannend heraus. Und auch wenn das Ergebnis Geschmacksache ist, so war die Ausführung der vier Musiker Hans Kreuzinger (Tenor- und Sopransaxophon, Flöte), Sarah Mehlhart (Baritonsaxophon), Josef Retter (Alt- und Tenorsaxophon) und Günter Weißer (Altsaxophon) herausragend und den anwesenden Zuhörern eindeutig ein Genuss.
Das Programm aus Ensemblestücken und solistischen Werken, die Tobias Lauber am Klavier mit viel Gespür und Können begleitete, wurde eröffnet durch Händels „Allegro maestoso“ aus der „Wassermusik“, das in einer originellen Bearbeitung für die vier Holzbläser erklang und von den Instrumentalisten mit mitreißender Hingabe und ausgesprochen dynamisch vorgetragen wurde. In der für Alt- und Tenorsaxophon arrangierten Fassung dreier ursprünglich für Klavier komponierter Bach-Inventionen übernahm Weißer gekonnt die Stimme der oberen, rechten Hand, begleitet von Retter mit dem Tenorsaxophon, der die tiefe Stimme erklingen ließ.
Besonders beeindruckte die außergewöhnlich durchdachte Version des romantischen „Le petit nègre“ von Debussy, die den vier Bläsern erstmalig solistische Passagen zuwies, für die Kreuzinger zum Sopransaxophon griff und bei der Mehlhart erneut mit ihrem Baritonsaxophon ausdrucksstark und sicher den Rhythmus vorgab. In Manfred Schmitz’ „Pop Suite“ entlockte Kreuzinger nun seiner Flöte virtuose Klänge, rhythmisch kontrastiert von Lauber mit einer ostinaten Klavierstimme.
Im Original für Saxophonquartett komponiert ist das „Prelude & Beguine“ von Victor Williams. Dabei schuf der eher schmachtende Klang der Instrumente ein völlig anderes Klangbild, das sich in ähnlicher Form auch durch die Eröffnung der „Bohemian Rhapsody“ von Queen zog. Weißer übernahm hier mit einem melancholischen und gesanglichen Klang die Melodie. Wie gut die Musiker aufeinander eingespielt waren, zeigte sich auch in den schwungvollen Darbietungen von „Sir Duke“ von Stevie Wonder und dem finalen „America“ von Leonard Bernstein, für die sie viel Beifall ernteten.
© Gießener Anzeiger 2011 - http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kultur/print_11222717.htm

