B├╝hnenerfahrung: Gabriela Tasnadi mit 19 als Carmen. (Foto: Tasnadi)

Stimmen zum Erklingen bringen

vom 26.06.2018

Ein Interview mit Gabriela Tasnadi (Gie├čener Anzeiger)

GIESSEN - Singen. Immer singen. Mit sechs war sie schon in einer Fernsehsendung in Rum├Ąnien, mit 19 auf der B├╝hne in G├Ârlitz. Und danach immer so weiter: In Dresden, an der Oper in Frankfurt, in Regensburg, Wien und im Opernstudio in Berlin. Gabriela Tasnadi hat viel gesehen, viel erlebt, viel gesungen - jetzt singt sie immer noch. Und bildet vor allem aus - Kinder, Ch├Âre, Stimmen. Der Gesang, das ist es, was den Takt vorgibt.

In Gie├čen, da hat es "mich der Liebe wegen hin verschlagen", offenbart sie an diesem Vormittag im Eiscaf├ę La Vecchia Citta nahe Kugelbrunnen. Direkt ├╝ber dem Caf├ę wohnt sie, und plaudert weiter von ihrem Leben, das immer der Musik gewidmet war und den Weg, ├╝ber die richtige Atemtechnik, zur Stimme zu kommen. Sie erz├Ąhlt aber auch ├╝ber Rum├Ąnien. Ihre Heimat Clausenburg, aus der sie nicht weg ist, weil sie musste. Oder aus Not. Sondern weil sie wollte, raus in die Welt, ihre Chance zu nutzen, auf die gro├čen B├╝hnen zu gelangen. Sie hat Vieles erreicht.

Heute bildet Gabriela Tasnadi vor allem aus. Sie leitet 13 Ch├Âre, bringt in der Gie├čener Musikschule Stimmen zum Erklingen, hat in der Ostschule manche Chorklasse auf Vordermann gebracht und viele Kinder, die es zuvor vielleicht als l├Ąstige Pflicht empfanden, f├╝r den Gesang, die Musik begeistert. Die Warteliste ist mittlerweile lang. Gabriela Tasnadi hat sich als Stimmbildnerin und Gesangsp├Ądagogin einen pr├Ąchtigen Ruf erarbeitet.

"Die Kunst beginnt, wo die Technik endet", sagt die 1965 im rum├Ąnischen Clausenburg geborene Tasnadi, deren Mutter noch heute ├╝ber sie sagt, sie habe "erst gesungen und dann gesprochen". Und ├╝ber etwaige andere Pl├Ąne als Kind ist auch nichts bekannt: Auf die Frage, was sie denn sp├Ąter einmal werden wolle, habe sie schon als Dreik├Ąsehoch mit dem Brustton der ├ťberzeugung geantwortet: "S├Ąngerin!"

Was sich so einfach anh├Ârt, war indes nur mit vollem Einsatz zu erreichen. Mit Leidenschaft und Hingabe. Und vor allem mit ├Ąu├čerster Disziplin, ehe die Leichtigkeit gelang, die zum Singen auf hohem Niveau eben auch n├Âtig ist. Wer Tasnadi erlebt, wie sie mit Kindern St├╝cke erarbeitet, der erahnt, dass das mehr ist als nur ein Job. Sie ist voll dabei, kann streng sein und ihr "Ruhe bitte" l├Ąsst an Deutlichkeit nichts zu w├╝nschen ├╝brig. "Wenn ich klare Grenzen setze und Strukturen vorgebe, wissen alle, woran wir sind. Und ab da beginnt nicht nur die Arbeit, sondern dann auch das Vergn├╝gen."

Gerade bei den Kinder- und Jugendch├Âren versteht sich die 53-J├Ąhrige als "Lehrerin, Mutter, Vater, Seelsorgerin, Freundin, sie wissen, dass sie mit allem zu mir kommen k├Ânnen", sagt sie ├╝ber ihre Rolle als Gesangsp├Ądagogin, die bei der Sprecherziehung anf├Ąngt ├╝ber Stimmf├╝hrung und Stimmbildung bis hin zum Darstellerischen Unterricht alles im Repertoire hat.

Tasnadi, die v├Ąterlicherseits ungarische Wurzeln hat (eigentlich k├Ânne man auch eher "Taschnadi" sagen) hat die klaren Ansagen in Clausenburg selbst erlebt. Zw├Âlf Jahre war sie auf einem musikalischen Gymnasium, zw├Âlf Jahre Ausbildung auf h├Âchstem Niveau und "immer wieder Pr├╝fungen, die, wenn du sie nicht geschafft hast, bedeuteten, dass Schluss ist mit dem Gymnasium." Und Schluss mit den Tr├Ąumen. "Das war im Rum├Ąnien der damaligen Zeit so wie ├╝berall im Ostblock. Da wurde in Sport oder auch Musik mit eiserner Disziplin gearbeitet, es hat nichts gekostet. Wenn man Talent hatte, erhielt man h├Âchste F├Ârderung." Allerdings zu dem Preis, immer alles zu geben.

Tasnadi l├Ąchelt in der Gie├čener Sonne sitzend: "Ich finde das wichtig, so f├╝r ein Ziel zu arbeiten. Ich mache da alles auch heute noch mit Leib und Seele." Und gerade deshalb sei f├╝r sie "das Glas immer halbvoll, wie man so sagt." Heutzutage werde es vielen Kindern und Jugendlichen zu leicht gemacht. "Man hat so viel, dass es leicht ist, den Blick f├╝r den Wert zu verlieren."

Das kann ihr angesichts ihres Werdegangs wohl nicht passieren. Mit 19 hat sich die junge Gabriela Tasnadi bereits auf den Weg gemacht, kam nach G├Ârlitz in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik. Sie konnte die Sprache (noch) nicht, war aber - weil sich der Ostblock ├Ąhnelte - mit Schulsystem und dem Abverlangen von Disziplin und Ordnung vertraut. Nat├╝rlich sei es nicht einfach gewesen, die Familie zu verlassen, immerhin blieb sie f├╝nf Jahre im Osten Deutschlands, sattelte noch ein Zusatzstudium in Dresden drauf. Zuvor hatte sie in Bukarest bei einer Agentur ein - heute w├╝rde man sagen: Casting - absolviert. 187 S├Ąngerinnen und S├Ąnger wurden angeh├Ârt, zwei genommen. Eine davon war Tasnadi. Diese Chance, sich da durchgesetzt zu haben, wollte und musste genutzt werden.

Ein Jahr ging sie dann wieder in die Heimat zur├╝ck, erlebte in Budapest die Wende und landete schlie├člich 1990 in Frankfurt, wo sie einen Vertrag an der Oper erhielt, sich dann aber auch auf unz├Ąhligen Konzertreisen durch Europa befand. Doch gab es auch die Zeiten, in denen Tasnadi "bis in die Nacht hinein in der Kneipe arbeitete", sich am Tag weiter- und fortbildete, weil sie "nicht irgendjemand sein und schon gar nicht dem Staat auf der Tasche liegen wollte." Das passt nicht in ihr Lebenskonzept. Das ist nicht ihr Ding.

Engagement durch Enthusiasmus oder Enthusiasmus durch Engagement ist es dagegen schon: Was man nicht nur an ihrer musikalischen Karriere sieht, sondern auch daran, dass die ungarische Rum├Ąnin sechs Sprachen spricht. Oder sechseinhalb, um genau zu sein. Auf deutsch, rum├Ąnisch, ungarisch, englisch, franz├Âsisch, italienisch und halbwegs russisch kann sich die Gie├čenerin verst├Ąndigen, die immer noch ├╝ber ihre Heimat ins Schw├Ąrmen ger├Ąt, die Sch├Ânheit der Landschaft, Urspr├╝nglichkeit der Natur und St├Ądte, aber auch unverstellte Freundlichkeit der Menschen anpreist.

Selbstverst├Ąndlich ist sie auch diesen Sommer in ihrer Heimat im Urlaub, bei der Familie in Clausenburg. Auch wenn Gie├čen l├Ąngst die erste Heimat geworden ist, mit "den Strukturen und dem Netzwerk, das ich hier aufgebaut habe." Und nat├╝rlich ihrem Sohn Antonius, der 20 Jahre alt ist und mittlerweile in Karlsruhe Informatik studiert.

Am Tag vor ihrer Abreise nach Rum├Ąnien, mit dem Auto, war die S├Ąngerin nat├╝rlich auch noch im Einsatz. Zun├Ąchst bei der Chorklasse 6c der Gesamtschule Gie├čen-Ost, die ihr Klassenfest mit viel Musik gestaltete. Da sa├č Gabriela Tasnadi in der ersten Reihe und immer wieder am Klavier, um ihre Sch├╝tzlinge zu begleiten. Denn auch Klavier spielen kann sie mit unerh├Ârter Leichtigkeit.

Konzert vorbei, Klassenfest noch nicht, da war sie schon wieder auf dem Sprung zu einem ihrer Ch├Âre nach Haiger, einem "Popchor" mit dem sie zuletzt sehr erfolgreich war, bei einem gro├č angelegten Wettbewerb den vierten Platz belegte. Tasnadi, mittlerweile auch Kreischormeisterin des S├Ąngerbundes, ist voller Energie und immer auf dem Sprung, wenn es um ihr musikalisches Engagement geht. Kann aber auch "sehr gut ruhig im Stuhl sitzen", wenn sie ein gutes Buch zur Hand hat. Da ist sie "old school", die neuen Medien nutzt sie, wo es n├Âtig ist, aber Literatur auf einem "e-book", das kommt ihr nicht in die T├╝te. Da braucht sie schon ihre Regale, die Seiten, das Haptische. Thomas Mann hat es ihr angetan, aber vor allem mag sie auch Gedichtb├Ąnde, Lyrik. Warum wohl? Nat├╝rlich lassen sich daraus Liederabende gestalten. Was sich vertonen l├Ąsst, wenn die Sprache zur Musik wird, dann ist das das Metier der Frau, die die sch├Ânen K├╝nste liebt. So wie ihre Schallplatten, die sie zur Hand nimmt, weil ihr das auch n├Ąher ist als die neuen Medien. Gabriela Tasnadi kann auch mit Pop und Rock etwas anfangen, wobei sie von aktuellen Singer-Songwritern mit der immer gleichen und simplen musikalischen wie textlichen Botschaft wenig h├Ąlt.

Maria Callas ist so etwas wie ein Vorbild f├╝r sie, weil "sie den Operngesang revolutioniert hat. Sie hat nicht nur gesungen, sie hat die Rollen interpretiert, die Opern gespielt" und Pavarotti, weil sein "Gesang technisch perfekt ist, da ist er der Gott", jubiliert Tasnadi - und man k├Ânnte fast meinen, gleich beginnt sie zu singen.

Macht sie dann aber doch nicht. An diesem Vormittag in Gie├čen. Singen. Der Gesang, die Kunst. Immer wieder das Singen und die Musik ist ihr Thema, ist ihr Leben. Die Kunst beginnt erst, wo die Technik endet. Das k├Ânnte man fast als Botschaft nehmen, denn das gilt bei Tasnadi auch f├╝r die Lebenskunst. Und wenn sie etwas anderes machen m├╝sste? "In Gie├čen", sagt sie, "fehlt ein rum├Ąnisches Lokal. Und ich koche leidenschaftlich gerne. Wenn es mal mit der Musik nicht mehr klappt, dann mache ich das." Sagt Gabriela Tasnadi. Und bestimmt g├Ąbe es dann Liederabende in dem Lokal. Das ist sicher.