Doris Rudzinski beim Vortrag am KonzertflĂŒgel. Foto: Rhensius

Vom Konzert zur Sonatine

vom 27.09.2011

Pianistin Doris Rudzinski interpretiert Klavierwerke von Bach, Beethoven, Schumann und Ravel (Gießener Anzeiger)

Von Philipp Rhensius

Im Rahmen der JubilĂ€umskonzerte der Gießener Musikschule wurden am Sonntagabend im Konzertsaal des Rathauses bekannte Klavierwerke aus unterschiedlichen Epochen vorgestellt. Neben Bachs „Italienischem Konzert“, Schumanns Intermezzi op.4 und Ravels Sonatine stand die berĂŒhmte Mondscheinsonate von Beethoven auf dem Programm.

WĂ€hrend diese Komponisten alle aus völlig unterschiedlichen Zeiten stammen, so haben sie neben der zeitlosen QualitĂ€t eine andere, wichtige Gemeinsamkeit: Alle waren nebenbei sehr gute Pianisten, wie die Klavierlehrerin und Solistin des Abends, Doris Rudzinski, erklĂ€rt. Neben ihrer virtuosen Spielweise moderierte sie jedes StĂŒck ausfĂŒhrlich an und berichtete charmant von Details ĂŒber die UmstĂ€nde der Entstehung der jeweiligen StĂŒcke. Dass Schumanns Intermezzi im Gegensatz zum objektiven Bach sehr „subjektiv und abgefahren“ sei, liege vor allen daran, dass der noch junge Komponist zu dieser Zeit mit einer komplizierten Liebe zu der noch 13-jĂ€hrigen Clara, die Tochter seines Klavierlehrers, zu kĂ€mpfen hatte. So wirkte der von Rudzinski explosiv interpretierte Beginn des Intermezzi angemessen. Gerade in Anbetracht der vielen wilden Stimmungsschwankungen, die man auch als Reflexionen eines jungen, rastlosen Geistes verstehen kann.

Auch das wurde an diesem Abend mal wieder deutlich: Das Frequenz-Spektrum eines Klaviers lĂ€sst den Tönen viel Platz zum Atmen. Denn vor allem Solo-Klavier-Konzerte stellen eine maximale Reduktion der Partitur dar. Das „Italienische Konzert“ von Bach ist etwa der gelungene Versuch, die Instrumenten eines ganzen Orchesters auf die unterschiedlichen Stimmlagen eines Cembalos zu ĂŒbertragen. Doch erst Jahre spĂ€ter konnte mit der Erfindung des wesentlich lauteren Klaviers eine dichtere und intensivere KlangfĂŒlle erreicht werden. Dass diese FĂŒlle an Stimmlagen eine hohe VirtuositĂ€t am Instrument erfordert, bewies die sympathische Musikerin auch bei Beethovens Sonate, deren unzĂ€hlige Auf- und AbwĂ€rtsbewegungen von einem ganzen Leben zu erzĂ€hlen scheinen, das trotz etlicher Umwege und Tiefpunkte immer die Hoffnung als Hauptmotiv enthĂ€lt. Insgesamt trug Rudzinski alle StĂŒcke mit beeindruckender Konzentration vor, ohne dabei je sichtlich an Leidenschaft einzubĂŒĂŸen. Und so wurden die Zuhörer mit dem exzentrischen Schlussakkord Beethovens beeindruckt in den warmen Herbstabend entlassen.

© Gießener Anzeiger 2011 - http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kultur/print_11201738.htm