"Schauervolle Lieder", anrührend interpretiert (Gießener Anzeiger)

vom 01.03.2018

KLASSIK Zwischen Traum und Wirklichkeit: Duo Clemens Kerschbaumer und Evgeni Ganev mit Schuberts "Winterreise" im Hermann-Levi-Saal

GIESSEN - (rfi). Veranstaltet von der kommunalen Musikschule Gießen fand im Hermann-Levi-Saal des Rathauses ein Benefizkonzert zugunsten des Vereins für interkulturelle Arbeit und Sprachförderung Deutsch in Darmstadt statt. Der Tenor Clemens Kerschbaumer und der Pianist Evgeni Ganev interpretierten Franz Schuberts Liederzyklus "Die Winterreise" nach Gedichten von Wilhelm Müller so eindringlich, dass das Publikum am Ende mit stehendem Beifall dankte.

Schuberts "Winterreise" entstand wohl in des Komponisten vorletztem Lebensjahr 1827; das Korrekturlesen beschäftigte ihn noch auf seinem Totenbett. Schubert selbst nannte gegenüber seinem Freund Josef von Spaun das Werk einen Zyklus "schauervoller Lieder". Im Gegensatz zu der vorangegangenen "Schönen Müllerin" erzählt die "Winterreise" keine Handlung, sondern reflektiert in vielen Facetten eine Grundbefindlichkeit: tiefe Melancholie. Die erstarrte Winterlandschaft ist Spiegel des Inneren des Wanderburschen. Clemens Kerschbaumer sang mit großer Ausdruckskraft, Evgeni Ganev begleitete ihn stilsicher.

Schon das erste Lied: "Gute Nacht" trug der Tenor mit vokalem Schmelz vor. Es steht in der Tonart tiefer Schwermut d-Moll und umso ergreifender war die Dur-Wendung der letzten Strophe. "Die Wetterfahne" zeigt ein Aufbegehren des unglücklich liebenden Wanderers, das der Tenor mit modulationsreicher Stimme in Klang umsetzte. Ganev begleitete mit expressivem Spiel. "Gefrorene Tränen" spiegelt das Herzeleid des Wanderers. Der in der Bearbeitung durch Friedrich Silcher zum Volkslied gewordene "Lindenbaum" ist eines der populärsten Schubertlieder. Ihn trug der Tenor mit hellem Timbre klangvoll vor. In "Wasserflut" und "Auf dem Flusse" intensiviert der Komponist die Klage des Wanderburschen. Die Musiker gestalteten beide Lieder ergreifend. "Rückblick" enthält eine der lichtesten Reminiszenzen des gesamten Zyklus; "Frühlingstraum" reflektiert die Dialektik von Traum und Wirklichkeit.

In der zweiten Hälfte des Liederzyklus werden die lichten Reminiszenzen weniger, das Gefühl der Todessehnsucht etwa in "Der greise Kopf" und die "Krähe" stärker. "Das Wirtshaus" ist ein Friedhof, der keinen Platz für den Wanderer hat. Im nihilistischen "Mut!" folgt ein letztes Aufbegehren bis im "Leiermann" der Wanderer vollends im Nichts versinkt. Clemens Kerschbaumer sang die Lieder mit großer Ausdruckskraft, Evgeni Ganev begleitete ihn anrührend. Das zahlreiche Publikum bedankte sich mit stehendem Beifall.