Rhythmusgruppe auf solistischen Pfaden

vom 23.09.2011

Im JubilĂ€umskonzert der Big-Band hĂ€tte man sich noch mehr eigene StĂŒcke gewĂŒnscht (Gießener Anzeiger)

(phr). In einem weiteren JubilĂ€umskonzert der Gießener Musikschule wurde eine interessante Mischung aus alten Jazz- und Bebop-Klassikern sowie neuen Kompositionen geboten. Die ausschließlich aus Lehrern der Musikschule bestehende Besetzung der Gießener Big-Band lud die Zuhörer zu einer Reise durch verschiedene Epochen der Jazz-Geschichte ein.


Als in den 20er Jahren in den USA die ersten Big-Bands entstanden, hatte das zwei bedeutende Auswirkungen auf den Jazz. Neben der höheren Anzahl an Musikern und der damit verbundenen LautstÀrke wurde vor allem der Anteil der im Jazz sonst so zentralen Improvisation reduziert. Stattdessen entstanden neue Kompositionen und Arrangements, welche die Musik an die Herausforderungen der vielen beteiligten Musiker anpasste. Was an SpontaneitÀt und plötzlichen Solo-Einlagen fehlte, wurde nun durch eine höhere Dynamik und bessere Tanzbarkeit ausgeglichen.

Die Idee des Konzertabends bestand nun darin, der Rhythmusgruppe mit Hans Bill (Bass), Andreas KĂŒhr (Schlagzeug) und Tobias Lauber (Klavier) als „Solisten“ mehr Platz als sonst einzurĂ€umen. WĂ€hrend das Trio etwa die HĂ€lfte der StĂŒcke alleine spielte und trotz der großen BĂŒhne IntimitĂ€t erzeugte, wurden es bei den restlichen Songs, wie gewohnt, von der Big-Band begleitet. Beeindruckend war dabei die dynamische Bandbreite, die aus den stĂ€ndigen Formationswechseln resultierte und bewies, warum der Jazz von der Klangvielfalt eines Orchesters nur profitieren kann. Besonders beeindruckende Momente entstanden, wenn sich der Gesang von SĂ€ngerin Kerstin Lenk aus den Melodien der Saxofone herausschĂ€lte und vorfĂŒhrte, wie vielfĂ€ltig dieselben Töne auf verschiedenen Klangerzeugern klingen können. Neben eigenen Kompositionen von Tobias Lauber oder Hans Bill wurden mit „Night in Tunisia“ von Legende Dizzy Gillespie oder „All Blues“ von Miles Davis auch klassische Standards interpretiert. Dieser Respekt vor den historischen GrĂ¶ĂŸen ist nicht ungewöhnlich im Jazz, doch hĂ€tte man den Musikern mehr Mut gewĂŒnscht, mehr Eigenes zu spielen. Denn nicht zuletzt das vereinnahmende Klavier-Ostinato als Leitmotiv des erstmals aufgefĂŒhrten StĂŒckes „G“ von Lauber erwies sich als angenehme Abwechslung.

Die stets sitzenden Musiker spielten insgesamt handwerklich gut, auch wenn ihre Performance dabei einem von Miles Davis geprÀgten Genre zu huldigen schien: dem Cool Jazz. Das gut geschulte Publikum zeigte sich davon unbeeindruckt und trat durch Szene-Applaus und rhythmisches Klatschen immer wieder in Interaktion mit den Musikern.

© Gießener Anzeiger 2011 - http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/kultur/print_11189225.htm