Kinderoper »Brundibár« auf der TiL-Studiobühne (Gießener Allgemeine Zeitung)

vom 19.03.2013

Mitglieder des Kinder- und Jugendchors des Stadttheaters und Instrumentalisten der Kommunalen Musikschule Gießen spielen und singen Hans Krásas Kinderoper »Brundibár« im TiL.

»Werfen Sie einen Blick in die Ausstellung«, rät Abdul M. Kunze, Leiter der Jugendtheaterabteilung am Stadttheater, den Besuchern beim Betreten der TiL-Studiobühne. Die meisten folgen dem Aufruf, betrachten die Auslagen in den Vitrinen. Sie sehen einen Leierkasten, einen Milchkrug, alte Bücher und Videoaufnahmen von Kindern – historisch anmutende Exponate, die später noch als Requisiten Verwendung finden. Nur ein paar wenige Ausstellungsbesucher bleiben auf der Bühne, als die Zuschauer später auf ihren Stühlen Platz genommen haben. Es sind die jungen Darsteller, die an diesem Nachmittag zur Premiere der Kinderoper »Brundibár« – für junge Menschen ab acht Jahren – eingeladen haben.

Eine moderne Rahmenhandlung schafft die erzählerischen Voraussetzungen für diese »Brundibár«-Interpretation: Der junge Tom bleibt beim Besuch seiner Schulklasse im Museum zurück. Als die Lichter verlöschen, begegnet ihm Hans Krása. Martin Gärtner, der musikalische Leiter des Stücks, spielt den tschechischen Komponisten und lädt den Teenager ein, sich eine Aufführung von »Brundibár« anzuschauen: So wie es die Jungen und Mädchen 1941 in einem Prager Kinderheim getan haben, und so wie es die Menschen immer wieder im Theresienstädter Ghetto getan haben, wo der deportierte Krása sein gesungenes Plädoyer für Freundschaft und Gerechtigkeit mit jüdischen Kindern über 55-mal aufgeführt hat.

Regisseur Oliver Meyer-Ellendt zeigt in seiner Version von »Brundibár«, dass die über 60 Jahre alte Geschichte auch heute noch wichtig ist. Tom trifft in der nächtlichen Museums-Aufführung auf die Geschwister Pepicek und Aninka, die für ihre kranke Mutter Milch holen wollen und die der Leierkastenmann Brundibár vertreiben will. Soll er sich einmischen? Kann er so die Geschichte verändern? Diese Fragen muss Tom beantworten, damit die Geschichte – im Gegensatz zur Wirklichkeit – ein gutes Ende findet. Hund, Katze und Spatz helfen ihm; und nur weil Tom es schafft, alle im Widerstand zu vereinen, gelingt das Unterfangen. »Ihr müsst auf Freundschaft bauen« appelliert Tom – eine Erkenntnis, die eben zeitlos ist.

Lukas Döll hat Bühnenbild und Kostüme geschaffen, die die Atmosphäre, in der die Originalversion gespielt wurde, einfangen. Es ist dunkel, wird erst hell, als Tom und die anderen Kinder gemeinsam gegen die »Herrenmenschen« um den brutalen Brundibár aufbegehren. Taschenlampen verzerren mit ihrem Lichtstrahl die Gesichter zu Fratzen, die Peiniger tragen Schlagstock und Sonnenbrillen, in einer umrahmten Guckkastenbühne sitzen die Musiker des kleinen Orchesters (Mitglieder der Musikschule Gießen) dicht gedrängt beieinander. Alles wirkt wie heimliches Theater auf dem Dachboden, versteckt vor den Häschern.

Krásas Musik ist eine beeindruckende Mischung aus eingängigen Melodien und düsterer Chromatik. Ein bisschen Wiegenlied, ein bisschen Schlagerklang der 30er Jahre, ein bisschen Totentanz. Umso beeindruckender ist, wie die jungen Sängerinnen und Sänger des Kinder- und Jugendchors des Stadttheaters diese anspruchsvolle Aufgabe meistern. In der Premierenvorstellung waren dies Samir Kanse als mutiger Tom, Louisa Merz als resolute Aninka, Hendrik Wagner als ihr vorsichtiger Bruder Pepicek und Sebastian Beck als furchteinflößender Brundibár. Gesanglich und schauspielerisch konnten auch Josi Kurz als gutmütiger Hund, Juliana Kraus als smarte Katze und Selma Gießmann als pfiffiger Spatz überzeugen. Bei weiteren Vorstellungen werden die Rollen in gleicher Reihenfolge von Hendrik, Wagner, Kassandra Niedecken, Lorenz Oehler, Georgia Benner, Laila Friege, Salome Niedecken und Rebecca Kaufmann übernommen.

Weitere rund 50-minütige Vorstellungen der Kinderoper »Brundibár« sind noch an folgenden Tagen im Theaterstudio zu erleben: am 21. März um 17 Uhr sowie am 14. April um 15 und 18 Uhr.

Karola Schepp, 19.03.2013, Gießener Allgemeine Zeitung