"Ihr seid alle ganz tolle K√ľnstler" (Giessener Anzeiger)

vom 21.06.2018

PROJEKT JLU-Doktorandin Ulrike Frischen untersucht Einfluss von Malen und Musik auf kognitive Fähigkeiten von Kindern

GIESSEN - Ein Fuchs im Schnee, piksende Kakteen, abstrakte Birkenw√§lder, aufgeschnittene Granat√§pfel oder ein tropischer Turkan. Gemalt mit √Ėl- oder Pastellkreide, Acrylfarben, Buntstiften, Fineliner und Spachteltechnik. M√§chtig stolz betrachten die Eltern die ausgestellten Werke ihrer Spr√∂sslinge in der Malschule von Silke Janas. Einmal in der Woche haben die Erstkl√§ssler in den vergangenen neun Monaten hier an einem Zeichentraining teilgenommen und m√§chtig viel √ľber verschiedene Gestaltungstechniken gelernt. Aber hat das Malen von Stillleben und Co. die Kinder auch schlauer gemacht? Das untersucht Ulrike Frischen, Doktorandin der Abteilung f√ľr Entwicklungspsychologie an der Justus-Liebig-Universit√§t (JLU), im Rahmen ihres Dissertationsprojektes.

Eigentlich geht es gar nicht ums Malen, sondern um Musik. "Es gibt bereits Studien dar√ľber, dass Kinder, die schon lange ein Instrument spielen, bei Intelligenztests besser abschneiden", erkl√§rt Frischen im Gespr√§ch mit dem Anzeiger. Auch die Doktorandin vertritt die Ansicht, dass sich Musikunterricht positiv auf die Intelligenz auswirkt und obendrein kognitive F√§higkeiten bei Kindern f√∂rdert, insbesondere die sogenannten exekutiven Funktionen, also Probleml√∂sef√§higkeiten, wie sich gezielt auf eine Sache konzentrieren zu k√∂nnen und st√∂rende Reize auszublenden.

Kostenlose Kurse

Um herauszufinden, ob tats√§chlich das Musizieren hierbei der entscheidende Faktor ist, f√ľhrt Ulrike Frischen, die selbst Musikwissenschaft und Musikp√§dagogik studiert hat, ein umfangreiches Forschungsprojekt durch. Um den Zusammenhang zwischen k√ľnstlerischem Unterricht und kognitiver Entwicklung im Kindesalter zu untersuchen, erhielten die 110 teilnehmenden Erstkl√§ssler seit September letzten Jahres entweder kostenlose Musik- oder Malkurse oder landeten in der Warte-Kontrollgruppe, deren Training noch nicht begonnen hat. Bevor die jungen Teilnehmer des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gef√∂rderten Projekts aber Hand an Instrumente oder Pinsel anlegen durften, rauchten erst einmal die K√∂pfe bei IQ-Tests und Probleml√∂seaufgaben. Ulrike Frischen erinnert sich noch gut an die Anf√§nge ihres Vorhabens. Zwar hatte sie mit der Malschule und der Musikschule Gie√üen schnell Kooperationspartner gefunden, bei denen ihr Projekt auf Anklang stie√ü, um aber die ben√∂tigte Anzahl an gerade erst eingeschulten Kindern zu erreichen, musste die Doktorandin kreativ werden. Sie verteilte Flyer bei "Fluss mit Flair", sprach Familien in der Stadt an, legte Informationen in Kitas aus und tauchte bei Einschulungsfeiern auf. Beginnen konnte der Erhebungszeitraum dann im September 2017.

Ob die Erstkl√§ssler sich in Mal- oder Musikschule kreativ austoben durften, entschied das Los. "Die Kinder mussten bereit sein, beides auszuprobieren", erl√§utert Frischen, "Voraussetzung war auch, dass sie noch kein Instrument spielen und zuvor noch nie Malkurse besucht hatten". Das Losverfahren war f√ľr Emma und Frieda dann aber trotzdem erst einmal ein Schock. Die beiden Freundinnen wollten zusammen zeichnen lernen, Frieda wurde allerdings zum Musikkurs geschickt. "Ich wollte lieber malen, weil mein Papa Malermeister ist", sagt Frieda, "aber die Musik hat dann doch auch Spa√ü gemacht". In der Musikschule gab es erst einmal einen "Schnuppertag", um verschiedene Instrumente ausprobieren zu k√∂nnen. Die Musiklehrer sprachen Empfehlungen aus, die Kinder durften entscheiden. Nachdem es mit der Klarinette nicht klappte, hat Frieda gelernt, Lieder auf der Blockfl√∂te zu spielen. "Ich habe gestaunt, wie gut sie das schon kann", verr√§t Friedas Mutter Tanja Bantke, die sich beim Abschlusskonzert Anfang Juni vom Talent ihrer Tochter √ľberzeugt hat. "Es war toll, in so etwas mal reinschnuppern zu k√∂nnen, auf die Idee w√§re ich sonst nicht gekommen." Wie auch in den Malkursen seien die F√§higkeiten der Kinder in der Musikschule ganz vielf√§ltig gewesen, berichtet Ulrike Frischen. 20 Kinder h√§tten bei dem Konzert in kleinen Gruppen einfache Melodien wie "H√§nschen Klein" vorgespielt - an Trompete, Saxophon, Gitarre, Klavier, Blockfl√∂te und sogar an der Geige. Die Ausstellung der Malkinder markiert auch hier das Ende des Testzeitraums.

Stolz zeigt Emma ihrer Freundin die Kunstwerke und ihr kleines Skizzenbuch. "Besonders gern habe ich mit Pastellkreide gemalt", verrät die Siebenjährige, "und ich habe gelernt, wie man ganz genau ausmalt". Ob sich das auch auf den Intelligenzquotienten und die Problemlösungsfähigkeiten des Mädchens ausgewirkt hat, wird sich zeigen. Die Kinder wiederholen nach Ende der praktischen Phase die Tests vom Anfang.

Kreative Pause

Einen letzten Durchlauf gibt es nach den Sommerferien: "Um die Nachhaltigkeit eines m√∂glichen Effekts zu √ľberpr√ľfen", erkl√§rt Ulrike Frischen, die fr√ľhestens Ende des Jahres mit den ersten Forschungsergebnissen rechnet. "Es interessiert uns auch sehr, was dabei rauskommt", betont Tanja Bantke. Vorstellen kann sie sich beide Varianten: "Dass die Musikkinder sich nun besser konzentrieren k√∂nnen, weil sie die umfangreichere Aufgabe hatten, ein Instrument spielen zu lernen, oder dass es den Malkindern geholfen hat, eine kreative Pause zu haben." "Oder es hat sich gar nichts getan", sagt Emmas Mutter Larissa Becker und lacht. Ihre Tochter und sie haben schon bei mehreren Studien mitgemacht: "Das ist doch eine tolle Sache, wenn es der Forschung hilft."

Wie auch immer sich der Kunst- und Musikunterricht auf die kognitiven F√§higkeiten der Sch√ľler ausgewirkt hat, gelernt haben sie in jedem Fall viel. Kunstp√§dagogin Anna Erkes, die mit ihrer Kollegin Anette Kary die Zeichenkurse in den Kleingruppen durchgef√ľhrt hat, bringt es zum Projektabschluss auf den Punkt: "Ihr seid alle ganz tolle K√ľnstler. Ich hoffe, ihr lasst Euch niemals sagen, dass Eure Bilder nicht sch√∂n sind. Denn alle sind individuell, genau wie Ihr." (Jasmin Mosel)